XIV. Kongress der IVG - Linguistik Sektion 2: Diskurse zu Zentralität und Marginalität - Diskurslinguistische Agenden in Zeiten des Widerspruchs

Kategorie
Datum
-
Anmeldeschluss

Palermo
Italien

Die Sektion hinterfragt aus diskurslinguistischer Perspektive jüngere, sogenannte Identitätsdis-kurse, sowie einen teilweise wiedererstarkenden Nationalismus und normativen Partikularismus. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf europäischen sowie transatlantischen Diskursformatio-nen. Während einflussreiche politische Diskurse der Nachkriegszeit – zumeist in Folge sozialer Be-wegungen und politischer Aktion – durch eine zunehmende Beachtung von Marginalität, Hetero-genität, Diversität und Transnationalisierung gekennzeichnet waren und dabei Normativitätskon-zepte, homogenisierende Diskurse und Nationalismus kritisch hinterfragt haben, sind einige machtvolle politische Diskurse der Gegenwart durch eine gegensätzliche Dynamik gekenn-zeichnet: Nationalisierung statt Transnationalität, Normativität statt Diversität, White Supremacy statt Gleichheit, Essentialismus statt Konstruktivismus. Rückwendungen dieser Art stehen auf der Tagesordnung zahlreicher gesellschaftlicher (Identitäts)Diskurse. Die Sektion ist an dieser Diskursformation interessiert und konzentriert sich auf sprachliche Strategien der Herstellung von Ambivalenz. Besondere Relevanz kommt dabei den Konstruktionen von Zentralität und Marginalität zu, wie sie bei der Positionierung von Akteur*innen im Rahmen politischer Gegen-wartsnarrative unübersehbar sind. Die Sektion fragt, welche sprachlichen Strategien genutzt werden, um sich am vermeintlichen Rand oder im Zentrum der Gesellschaft zu positionieren und welche Referenzkonzepte dabei genutzt werden. Hypothetisch kann vermutet werden, dass manch ein politischer Gegenwarts-diskurs gar nicht als Rückkehr zu altem Denken funktioniert, sondern durch eine ambivalente Bewegung der Umkehr gekennzeichnet ist. Das Muster dieser Umkehr besteht in der Behaup-tung, dass ehemals für selbstverständlich erachtete Mehrheitsüberzeugungen und breit geteilte Normen sich inzwischen selbst in der Defensive sehen und entsprechend aus einer Position von angenommener, inszenierter bzw. deklarierter Marginalität agieren müssen. Wir gehen davon aus, dass sich normative politische Diskurse der Gegenwart unter anderem und insofern mit einer Mimikry der Marginalität Gehör zu verschaffen suchen. In der Sektion sollen vor diesem Hintergrund unter anderem die folgenden Leitfragen diskutiert werden:

1. In welchen Diskursdomänen ist Marginalität/Zentralität relevant und welche sozialen und individuellen sprachgebundenen Erscheinungsformen können sie annehmen?

2. Wie sprechen heute normativ-essentialisierende politische Mehrheiten?

3. Welche Funktion kommt einer Mimikry der Marginalität in politischen Gegenwartsdiskur-sen zu?

4. Welche Formen und Funktionen der ambivalenten Positionierung von politischen Ak-teur*innen prägen gegenwärtige Diskurse?

5. Welche Argumentationsmuster sind in entsprechenden Auseinandersetzungen evident?

6. Kann von einer Enttabuisierung des öffentlichen Diskurses die Rede sein und welche Rolle spielen heute noch Gesprächskultur und eine Ethik des Diskurses?

7. Welche Mechanismen einer Mimikry der Marginalität in der Beziehungsgestaltung kön-nen Gegenstand diskursbezogener Interaktionsanalyse sein?

8. Welche genderspezifischen Aspekte oder sonstigen sozialen Differenzkategorien müs-sen für entsprechende Analysen berücksichtigt werden?

9. Welche spezifischen Handlungsräume und Akteur*innen lassen sich beschreiben und welche axiologischen Sphären sind erkennbar? Ziel der Sektion ist es, ein internationales Forum für germanistische Diskurslinguist*innen zu schaffen, auf dem sozio- und politolinguistische Themen der Gegenwart kritisch diskutiert wer-den. In der Tradition der IVG sollen die Fragestellungen zu aktueller Diskurslinguistik mit interna-tionalen germanistischen Perspektiven in den Blick verbunden werden; das bis dato häufig als selbstverständlich gesetzte Gegensatzpaar Inlandsgermanistik vs. Auslandsgermanistik soll reflektiert und überwunden werden.

Veranstalter*in
Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG)
Linguistik Sektion 2: Diskurse zu Zentralität und Marginalität – Diskurslinguistische Agenden in Zeiten des Widerspruchs
Kontakperson
Elisa Erbe
Kontakperson E-Mail Addresse
erbe@uni-bremen.de
Medien
CfP Call for Papers