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CFP: Transdifferente, hybride, diverse Aktant_innen*? Perspektiven auf Embodiment jenseits von Dualismen Jahrestagung der Sektion ‚Soziologie des Körpers und des Sports’ in der DGS

Kategorie
Datum
Fr., 04/29/2016 - Sa., 04/30/2016
Anmeldeschluss
Institut für Soziologie, Konradstr. 6, 80801 München

„Cyborgs sind kybernetische Organismen, Hybride aus Maschine und Organismus, ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der Fiktion“, so Donna Haraway in ihrem berühmten, vor nun mehr 30 Jahren erschienenen Manifest für Cyborgs , „Cyborgs sind un-sere Ontologie.“ In diesem plädiert sie anhand der Figur des Cyborgs für eine Umorientie-rung feministischer Theorie, die die Verunsicherung der Grenze zwischen Natur und Kultur durch Wissenschaft und Technologie als Chance begreift, Dualismen westlichen Denkens zu überwinden und Identitäten und Grenzen auf eine neue und andere Weise zu konstruieren. Die zunächst in der Figur des Cyborgs vorgeschlagene Perspektivenverschiebung hin zu Kons-tellationen zwischen Menschen, Tieren, Dingen, Praktiken und Artefakten wird in jüngster Zeit in den Kultur- und Sozialwissenschaften unter dem Schlagwort der Akteur-Netzwerk-Theorie (Bruno Latour), des New Materialism (Karen Barad) und Post- bzw. Transhumanis-mus (Rosi Braidotti) diskutiert. Dabei geht es um die Frage, wie das Soziale neu zu vermes-sen sei, wenn Dinge und Materialitäten als konstitutiver Teil des Sozialen untersucht werden. Es geht in diesen Forschungskonstellationen sowohl um epistemologische wie auch um empi-rische Fragen, die mit der Dezentrierung eine_r handelnden Akteur_in und dem Fokus auf Entgrenzungen und Überlappungen zwischen Mensch und Maschine, Organischem und An-organischem, Objekt und Subjekt, Praxis und Diskurs einhergehen. Gespeist werden diese Fragen nicht zuletzt durch die zunehmende (soziologische) Rezeption verschiedener ‚Studies’, die zwischen den etablierten Disziplinen liegen und diese Zwischenposition produktiv (und im Selbstverständnis kritisch) nutzen, so z.B. postcolonial studies, gender studies, affect studies, (dis)ability studies, queer studies, animal studies, diversity studies usw. In diesen Konstellati-onen werden Ontologien, Binaritäten und Eindeutigkeiten kritisch betrachtet, demgegenüber werden dekonstruktive, post-essentialistische Lesarten des Sozialen bevorzugt.
Oben genannte Perspektivenverschiebungen haben weitreichende Konsequenzen für die Körpersoziologie, die bislang wesentlich einen holistischen Menschen-Körper konzeptuell voraussetzt. Stattdessen würde es darum gehen, Körper stärker als immer vorläufiges Pro-dukt bestimmter Konstellationen und Verbindungen, stärker als Trans-Körper zu begreifen und weniger etwa als abgegrenzte Entität. Embodiment ist eine entsprechende Chiffre: Sie verweist auf die sinnenhafte, leiblich spürbare Bewegung zwischen Menschen, Normen und Dingen.
Auf der Sektionstagung soll es – in Fortführung und Anknüpfung an die Jubiläumstagung der Sektion im Oktober 2015 – zum einen darum gehen, den Erkenntnisgewinn einer auf Trans-Körper orientierten Körpersoziologie auszuloten. Welche neuen oder anderen Körper-Konstellationen werden begreifbar? Welche Versprechen bieten (vorgeblich) neue Perspek-tiven und Begriffe, die womöglich nicht eingelöst werden? Zum anderen versucht diese Ta-gung aber auch, die Trans-Perspektive mit der auf Differenz orientierten Perspektive der Geschlechter- und allgemeiner Ungleichheits- und jüngst Diversitätsforschung zusammen zu bringen. Diese Forschungsansätze weisen auf die (sozial konstruierte, diskursiv hergestellte und kulturell zugeschriebene) Differenz hin, die jeweils an den Körpern der konstruierten Gruppen festgemacht und dadurch naturalisiert wird. Dabei fungiert die naturalisierte Diffe-renz als Aus- und Abgrenzungskriterium, sie etabliert soziale Hierarchien und organisiert Zugehörigkeiten zwischen menschlichen Gruppen. Während hier also Differenz, Ungleichheit und Körper eng verkoppelt sind, stellt sich die Frage, welchen Beitrag eine Trans-Körper-Perspektive zu Fragen gesellschaftlicher In- und Exklusion leisten könnte. Welche Folgen könnte eine (de-)konstruktivistische Perspektive auf Entgrenzungsprozesse und -phänomene zwischen Natur und Kultur für die Analyse von Unterschiedlichkeiten zwischen Menschen haben? Oder bedeutet die Aufwertung nicht-menschlicher Entitäten eine Relativierung sozia-ler Differenzen?
Wir wünschen uns Beiträge zu den folgenden Fragen/Themenblöcken, auf die wir die Tagung aber nicht beschränken wollen:
• Inwiefern gehen aktuelle (körper-)soziologische Beschreibungen und Methoden (etwa ‚ANT’, Embodiment, Cyborgs, new materialism...) über tradierte Dualismen hinaus?
• Wie könnten über die Thematisierung von Körper, Materie, Aktant_innen oder Leib-lichkeit die Wissens-, Körper-, Sport- und Geschlechtersoziologie produktiv ins Ge-spräch kommen? Welche Missverständnisse oder Asymmetrien lauern hier womög-lich?
• Kann die (Körper-)Soziologie mit transhumanistischen Perspektiven produktiv umge-hen? Wie? Oder warum nicht?
• In welchem Verhältnis stehen Differenz, Diversität und Ungleichheit im Kontext der Körper- und Sportsoziologie?
• Welches neue Wissen kann die Sport- und Körpersoziologie generieren?
• Mit welchem methodischen Instrumentarium kann die soziologische Beobachtung, Beschreibung und Erklärung von Embodiment und sportiven Praxen im Kontext von Hybridisierungs- und dekonstruktiven Perspektiven gelingen?

Wir bitten um Vortragsvorschläge in Form von abstracts von höchstens 500 Wörtern (1 Seite) per Email bis zum 01.10.2015 an imke.schmincke@soziologie.uni-muenchen.de. Die Vorträge sollen 20 Minuten Länge nicht überschreiten und auf eine anschließende Diskussion ausgerichtet sein.

Organizer
Sektion Soziologie des Körpers und des Sports in der DGS zusammen mit Prof. Paula-Irene Villa und Dr. Imke Schmincke, LMU München
Kontakperson
Imke Schmincke
Telefon