CfP: Audiovisuelle Diskurse

Workshop an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF (Potsdam)
13. und 14. Januar 2022

Einreichungsfrist: 31.07.2021

Organisiert von Christoph A. Büttner und Guido Kirsten

 

Wenn ein Film wie Sorry We Missed You von ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen bei einem Paketlieferdienst erzählt, liegt es nahe, ihn als Beitrag zu aktuellen Debatten über Prekarität in der sogenannten Gig Economy zu betrachten. Aber auch weniger sozial­realistische Werke (von Jurassic Park und Avatar bis Joker) werden – in der Film- und Medienwissenschaft, in den Feuilletons, aber auch in Alltagsgesprächen – oft auf gesell­schaftliche Phänomene und aktuelle Diskussionen bezogen: Fragen sozialer Gerechtig­keit, der Ökologie, Überwachung, Folter, menschlicher Hybris etc. Tatsächlich scheinen Interpretationen von Serien und Filmen immer eine diskursive Komponente zu haben, insofern sie die Werke als Äußerungen zur sozialen Wirklichkeit und damit (implizit oder explizit) als Positionierungen innerhalb eines diskursiven Feldes betrachten. Darüber hinaus werden audiovisuelle Werke in Zeiten der Krise, etwa der Corona-Pandemie, für den gesellschaftlichen Diskurs aktiviert: Sie dienen dann als imaginative Konkretion diffuser Ängste und machen abstrakte Gefahren kommunikativ referier- und verhandelbar.

Dass Filme, Serien und andere Bewegtbildformate nicht nur das Ergebnis spezifischer sozialer und institutioneller Settings sind, sondern selbst gesellschaftliche Standpunkte artikulieren, scheinen die Lektüren vorauszusetzen. Begrifflich und methodisch stellen sich bei genauerem Hinsehen indes einige Schwierigkeiten ein. Was konstituiert den gesell­schaftlichen oder politischen Standpunkt eines audiovisuellen Texts? Wie lässt sich die Verbindung ihrer Lektüre mit sozialphilosophischen Argumenten jeweils konzeptu­alisieren? Und wie kann die Partizipation audiovisueller Medien an der gesellschaftlichen Verhandlung verschiedener Themen konkret gedacht werden? Der Begriff des Diskurses scheint hier zunächst Abhilfe zu versprechen, verspricht er doch, solche Fragen nicht einfach stillschweigend als lösbar anzunehmen, sondern sie über die spezifische Model­lierung des Verhältnisses medialer Artefakte zu dem sie hervorbringenden Sozialen beantwortbar zu machen. Dabei vermeidet er einfache Widerspiegelungstheorien und eröffnet stattdessen eine Perspektive darauf, wie audiovisuelle Texte auf je eigene Weise zum Verständnis gesellschaftlicher Wirklichkeiten beitragen oder dieses überhaupt erst ermöglichen.

Allerdings stellt der Diskursbegriff vor eigene begriffliche Herausforderungen, entspringt er doch unterschiedlichen disziplinären und theoriegeschichtlichen Hintergründen und franst in ebenso vielen Anwendungskontexten so weit aus, dass er die erhoffte theoretische Präzisierung wieder einzubüßen droht. Mit Blick auf den Film und andere audiovisuelle Medien lassen sich mit semiotischen oder narratologischen Diskursbegriffen (z.B. bei Benveniste, Genette, Metz) ganz andere Fragen stellen, als mit Diskursbegriffen sozial­philosophischer Provenienz (wie bei Foucault, Pêcheux, Laclau, Mouffe u.a.). Die stärker analytisch ausgerichteten Begriffe wiederum, die in den Sozial- und Kommunikations­wissenschaften eine methodologische Ausarbeitung erfahren haben (z.B. von Jäger, Link, Traue), weisen in ihren (heuristischen) Zuschnitten wieder andere Produktivitäten und blinde Flecken auf.

Unser Workshop versucht sich an einer Ordnung jener Diskurs-Diskurse und verfolgt entsprechend der identifizierten Problemlagen mehrere miteinander verbundene Ziele: Ohne einen spezifischen Diskursbegriff zu favorisieren, soll er sich einer Präzisierung jener Potenziale widmen, die die verschiedenen Diskursbegriffe für ein Denken des Verhältnisses filmischer und sozialer Wirklichkeiten entfalten. Er leistet so neben einem theoretischen auch einen methodischen Beitrag zur Fundierung der benannten, eher intuitiven Lektüreprozesse. Zugleich nimmt der Workshop bereits vorhandene, aber bislang eher verstreut gebliebene Vorschläge, den Diskursbegriff filmwissenschaftlich fruchtbar zu machen, wieder auf und versucht, die darin zum Ausdruck kommenden theoretischen und filmanalytischen Impulse zusammenzuführen.

Entlang dieser Überlegungen wünschen wir uns für den Workshop Vorträge zu folgenden Themen und Fragestellungen:

  • Für ein Diskursdenken und entsprechende analytische Methoden finden sich in verschiedenen film- und medienwissenschaftlichen Traditionslinien, etwa in der analyse textuelle, den cultural studies, der Mediensoziologie oder der amerikani­schen Dokumentarfilmtheorie. Wo liegen jeweils blinde Flecken und wie lassen sich die verschiedenen Linien aufeinander beziehen? Wie lassen sich ausgehend von weiteren theoretischen Fassungen des Diskursbegriffs (aus benachbarten Disziplinen wie der Soziologie, der politischen Philosophie oder der Literatur­wissenschaft) innovative Perspektiven auf Bewegtbildmedien und ihre soziale Integration gewinnen? Wie können medial heterogene Diskursfelder theoretisiert und analysiert werden, wie lassen sich Filme in diskursiven Netzwerken verorten und wie interagieren sie mit anderen medialen Texten?
  • Der Diskursbegriff bietet eine Klammer um fiktionale und nonfiktionale Bewegtbild­formate. Spiel- und Dokumentarfilme, Essay- und Lehrfilme, Anima­tionen, Werbe­clips und politaktivistische Videos: Alle können als Diskurse oder Diskurs­fragmente verstanden werden. Gleichwohl stellt sich die Frage, inwie­fern sich die diskursiven Modi aufgrund anders gearteter Wirklichkeitsbezüge und anders gearteter Prag­matiken der Formate unterscheiden. Welche verschiedenen Diskursregister lassen sich im Bereich audiovisueller Werke also erkennen und analytisch differenzieren?
  • Stärker diskursanalytisch lässt sich danach fragen – und idealerweise jeweils methodisch reflektieren – wie (soziale) Gegenstände in Filmen konstituiert werden, wie sich bestimmte Diskurspositionen der Filme finden und wie sie sich argumen­tieren lassen. Welche semantischen Topografien lassen sich ausmachen und in welchen Diskursfeldern bewegen sich die Filme? Welche Differenzdimensionen werden in Filmen wie bedeutsam und wie werden sie jeweils konkret artikuliert? Was setzen audiovisuelle Diskurse als gegebene Wirklichkeiten voraus und welche diskursive Struktur lässt sich an solchen axiomatischen Setzungen ablesen?
  • Nicht zuletzt geht es darum, zu zeigen, wie Verfahren der audiovisuellen Bewegt­bildgestaltung – Kadrage, Montage, Sounddesign usw. – diskursiv wirksam werden und wie sie sich als diskursive Ressourcen modellieren lassen. Wie steht die stilis­tische Ebene zur Ebene des Diskurses? Wie hängt das mit Fragen der Rhetorik und der Affekte zusammen? Lassen sich anhand formaler Parameter verschiedene diskursive Modi differenzieren und inwiefern lässt sich von spezifisch audiovisu­ellen Diskursivierungsweisen sprechen?

Für den Workshop, der am 13. und 14. Januar 2022 an der Filmuniversität Babelsberg stattfinden soll, wünschen wir uns Abstracts mit einer Länge von ca. 2.500–3.000 Zeichen. Nachfragen und Einreichungen (bis zum 31.07.2021) bitte an c.buettner [at] filmuniversitaet.de und g.kirsten [at] filmuniversitaet.de. Reise- und Übernachtungskosten können übernommen werden.